Ich möchte über ein Tabu sprechen. Über eine Situation, die ich in meiner Arbeit als Coach immer wieder erlebe – und über die in Management-Meetings viel zu oft geschwiegen wird.
Es geht um den Mitarbeiter, der alle Ziele übertrifft.
Der Sales-Manager, der die höchsten Umsätze bringt.
Der Entwickler, der den genialsten Code schreibt.
Die Projektleiterin, die Unmögliches möglich macht.
Sie sind brillant. Sie sind schnell. Sie sind unverzichtbar (glauben wir).
Und gleichzeitig: Sie vergiften das gesamte System um sich herum.
Wir feiern Leistung in unserer Arbeitswelt oft blind. Wir schauen auf das „Was“ (die Zahlen, das Ergebnis) und ignorieren das „Wie“ (den Weg dorthin). Doch der Preis für dieses Wegsehen ist hoch.
Das Phänomen des „Brilliant Jerk“
Netflix hat dafür den Begriff des „Brilliant Jerk“ geprägt – das geniale Arschloch.
Diese Menschen hinterlassen Spuren, die man nicht sofort in einer Excel-Tabelle sieht, aber deutlich spürt, wenn man den Raum betritt:
- Angst: Kollegen trauen sich nicht, Ideen zu äußern, weil sie fürchten, bloßgestellt zu werden.
- Rückzug: Das Team wird leiser. Die Kommunikation verstummt. Jeder macht nur noch Dienst nach Vorschrift, um nicht in die Schusslinie zu geraten.
- Abhängigkeit: Alles dreht sich um den Star. Das Wissen wird gehortet, nicht geteilt.
Das Fatale ist: Oft werden genau diese Menschen befördert.
Weil sie liefern. Weil man Angst hat, sie zu verlieren („Wenn der geht, bricht unser Umsatz ein!“). Weil man hofft, dass sich das Team schon irgendwie arrangieren wird.
Aber das Team arrangiert sich nicht. Das Team geht.
Entweder physisch (Kündigung) oder innerlich (Resignation). Die besten Talente verlassen das Unternehmen, weil sie die toxische Atmosphäre nicht mehr ertragen wollen. Was bleibt, ist der Highperformer und eine Gruppe von Ja-Sagern. Das ist der Tod jeder Innovation.
Mutige Führung heißt: Wirkung vor Leistung
Hier zeigt sich, ob ein Unternehmen seine Werte wirklich ernst meint oder ob sie nur hübsche Poster an der Wand sind.
Mutige und menschliche Führung bedeutet, nicht nur die Leistung zu bewerten, sondern die Wirkung eines Menschen auf das Gesamtsystem.
Es erfordert extremen Mut, einem Top-Performer zu sagen:
„Deine Ergebnisse sind hervorragend. Aber dein Verhalten gegenüber dem Team ist inakzeptabel. Und bei uns ist beides gleich wichtig.“
Und es erfordert noch mehr Mut, die Konsequenzen zu ziehen, wenn sich nichts ändert.
Manchmal ist die mutigste Entscheidung, die du als Führungskraft treffen kannst, dich von deinem besten Pferd im Stall zu trennen.
Warum sich dieser Schnitt lohnt
Ich habe Teams begleitet, nachdem der „toxische Star“ gegangen war. Die Angst war oft groß: „Wie sollen wir das schaffen ohne ihn?“
Doch fast immer passierte kurz darauf etwas Erstaunliches:
Das Team atmete auf.
Menschen übernahmen plötzlich Verantwortung, die sich vorher versteckt hatten.
Die Kommunikation floss wieder.
Die Gesamtleistung des Teams stieg an – und übertraf oft sogar die Einzelleistung des Stars.
Mein Appell an dich:
Lass dich nicht von reinen Zahlen blenden. Schau genau hin, was Leistung kostet.
Nicht jeder Highperformer ist ein Gewinn für dein Unternehmen. Und nicht jede Zahl rechtfertigt einen toxischen Umgang.
Menschlichkeit heißt nicht, alles zu tolerieren. Menschlichkeit heißt, Verantwortung für die Kultur zu übernehmen – und die Grenzen dort zu ziehen, wo Respekt und Würde verletzt werden. Egal wie gut die Zahlen sind.